Der Aufenthaltsraum an der Berner Postgasse sucht dringend eine neue finanzierbare Bleibe. Foto: Christian Geltinger

Berner Institution kämpft ums Überleben

Seit knapp 50 Jahren ist der Aufenthaltsraum in der Berner Postgasse ein Rückzugsort für Obdachlose. Nach der Kündigung des Mietverhältnisses auf Ende 2025 sucht die Institution der AKiB jetzt dringend nach einer neuen Bleibe.


Christian Geltinger*

Als ich an einem gewöhnlichen Mittwochnachmittag in den Aufenthaltsraum an der Postgasse 35 in der Altstadt von Bern komme, ist der grösste Betrieb schon vorbei. Zwei sympathische ältere Damen bieten mir sofort einen Kaffee an und einen Schokomuffin vom Vortag, der aber immer noch hervorragend schmeckt. Sofort spüre ich: Hier wird jeder gleich behandelt. Gastfreundschaft wird gross geschrieben. Schliesslich ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, wer obdachlos ist und wer nicht. 

So ist der Aufenthaltsraum auch eine Anlaufstelle für alte oder einsame Menschen, die Kontakt suchen, wie mir Marcel Michel berichtet, der mit einem geringen Stellendeputat der AKiB (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Region Bern) und der Stadt Bern den Aufenthaltsort den Treffpunkt für Obachlose betreut und darüber hinaus als Sozialpädagoge bei der Kirchlichen Passantenhilfe Bern angestellt ist. «Die Menschen suchen bei uns einen Rückzugsort. Beispielsweise kommen Menschen mit Suchtproblematik bewusst zu uns, weil in unseren Räumen keine Rausch- und Genussmittel konsumiert werden dürfen und sie in diesem sozialen Umfeld keiner Gefährdung ausgesetzt sind.» 

Zwischen 50 und 70 Menschen pro Tag kommen seit knapp 50 Jahren regelmässig hier her. Der Ort ist Teil der Strategie Obdach 2024 – 2027 der Stadt Bern.

Eine Institution, von der alle profitieren

In der Postgasse erhalten sie eine kleine Stärkung durch heisse Getränke, eine Suppe oder Lebensmittel, die von der Schweizertafel und aus den umliegenden Geschäften gespendet werden. Das ist durchaus eine Win-Win-Situation. Wenn es den Aufenthaltsraum nicht gäbe, wäre der Ladendiebstahl höher. « Die Menschen sind erst einmal weg von der Strasse», so Marcel Michel. Vor allem erhalten die Besucher:innen des Aufenthaltsraums einen Rest an Tagesstruktur. 

Insofern bietet der Aufenthaltsraum eine gute Ergänzung zur Prärie auf dem Gelände der Pfarrei Dreifaltigkeit, wo Obdachlose gegen einen geringen Obolus mittags eine Mahlzeit erhalten. «Wichtig ist es, dass es unterschiedliche Angebote von unterschiedlichen Akteuren für unterschiedliche Bedürfnisse gibt», so Michel. Solange die Menschen einen Ort haben, wo sie einfach sein dürfen, ist der Kontakt zu ihnen nicht abgeschnitten. Davon profitiert auch eine Stadtgesellschaft. 

Obdachlosigkeit ist ein Phänomen der Städte

Umso akuter ist jetzt die Situation, wo der Aufenthaltsraum seine Räumlichkeiten in der Postgasse 35 nach knapp einem halben Jahrhundert aufgeben muss, weil eine Sanierung durch den Hausbesitzer ansteht. «Wir haben sehr lange zu äusserst günstigen Konditionen in dem Gebäude sein dürfen und sind dafür sehr dankbar.» Nichtsdestotrotz sucht der Aufenthaltsraum jetzt dringend eine neue Bleibe, die finanzierbar ist, oder eine nachhaltige Finanzierungsgrundlage, um selbst neue Räumlichkeiten anzumieten. «Obdachlosigkeit ist ein Phänomen der Städte. Deshalb ist es wichtig, dass diese Begegnungsorte zentral sind, damit sie auch von den Betroffenen genutzt werden.»

Für den Aufenthaltsraum geht es jetzt ums Überleben. Wenn keine finanzierbare alternative Lösung für den Aufenthaltsraum gefunden werden kann, muss dieses wertvolle Angebot gestrichen werden.

*Christian Geltinger ist Leiter Kommunikation des Pastoralraums Bern

 

Informationen unter mercedes.winkler@refbern.ch