Der Frühling ist da: Knospen bersten und «gewaltlos lösen sich blutjunge Blätter von Häuten und Schuppen».Foto: Pixabay

Guten Tag, Herr Lenz!

Wie reagiert die Schweizer Lyrik auf die Ankunft des Frühlings?


Beatrice Eichmann-Leutenegger

«Wie möchten Sie angesprochen werden?», fragt der Interviewer. «Auf keinen Fall mit Herr Lenz, ich bin doch einfach der Pedro», antwortet der Mundartautor. Wir unsererseits rufen begeistert: «Der Lenz ist da, der Lenz ist da, wenn die Luft nach Frühling riecht, der letzte Schneerest dahingeschmolzen ist.»

Die Jahreszeit, die für Aufbruch und Neubeginn steht, hat seit jeher die Menschen bewegt wie keine andere sonst. Kein Wunder, dass der Frühling in Musik, Malerei und Literatur seine Spuren hinterlassen hat, denn er verspricht eine neue Leichtigkeit. Aber man täuscht sich, wenn man ausnahmslos heitere Stimmen, Farben und Töne erwartet. 

Die Lyrik erschliesst eine Polyphonie und spiegelt die unterschiedlichen Haltungen gegenüber dieser Jahreszeit ab. Doch lasse ich die Altmeister der Frühlingspoesie – Goethe, Eichendorff, Mörike mit seinem blauen Band, das er in den Lüften flattern lässt – ohne Gewissensbisse fahren. Dafür melden sich die helvetischen Zeugen zu Wort. 
 

Vom Berner Pfarrer und Autor Kurt Marti (1921–2017) erwartet man politisch motivierte Gedichte. Selbst beim Thema Frühling erfüllt er solche Ansprüche; auch wenn sein kurzes Mundartgedicht (1, aus «rosa loui», 1967) mit idyllischen Bildern einsetzt, erfolgt der Umschlag jäh. Entstanden ist es mitten in der Zeit des Kalten Kriegs, als die politische Linke die Abrüstung forderte. 

früelig
hahnefuess und ankeballe
früelig trybt scho schtyf
liechti rägetropfe falle
radioaktiv
härzig öigt dr erscht salat o
wie ne gwunderfitz
aber warschaupakt und nato
näme kei notiz


In Niederbipp, das als Amrain in seinen literarischen Kosmos eingegangen ist, empfindet Gerhard Meier (1917–2008) die Unruhe dieser Jahreszeit des Werdens. Seine Sinne nehmen die Signale der nächsten Umgebung wahr, schweifen nicht, wie in den späteren Romanen, in weite Fernen. Dazu stiehlt sich eine Verschmitztheit in die Momentaufnahmen dieses Gedichts (2, aus «Im Schatten der Sonnenblumen», 1967).

Unruhiger Frühling 
Mit Gesang versuchen’s die Amseln
mit Sanftmut die Mädchen
mit Signalglocken die Bahnhofsvorstände
Man muss ihn beruhigen
Nachts liegen sie wach
und horchen den Hunden
tags tun sie
als wollten sie tun
wie sie tun
Indessen bersten die Knospen


Manche klagen über Frühjahrsmüdigkeit. Schlagen wir ihr ein Schnippchen mit dem Gedicht (3) des Autors und Musikers Erwin Messmer (*1950 in Staad SG) aus seinem Lyrikband «Klartext zum Wasserglas» (2012). 

Im Frühling
Alles ist möglich
zwitschern die
Baumkronen das
Grüne vom Himmel
Alles ist möglich
flattern die
Lockvögel in meinem
Kopf hin und her
ich will nicht stolpern
nicht der Strassenbahn
vor die Räder stürzen
Aber heute will ich
einem Grashalm beim
Wachsen zusehen sofern
sich einer findet der
dafür Zeit findet zwischen
meiner dritten Sitzung
am Morgen und dem
Business-Lunch danach


Im lyrischen Gruppenbild darf die Grand Lady nicht fehlen, die Aargauerin Erika Burkart (1922–2010), die sich als Erbin spätromantischer Traditionen erweist. Wer dächte bei diesem Gedicht (4, aus «Die Freiheit der Nacht», 1981) nicht an Eichendorffs «Mondnacht»?

Stille der Frühlingsnacht 
Als sprühte ein ganz feiner Regen
auf Kieselsteine und Kräuter. 
Doch klar steht der Mond
und es schimmern
die alten Sterne
unverhüllt bei den Knospen.
Gewaltlos lösen
sich blutjunge Blätter
von Häuten und Schuppen: 
Grün, das mich trifft
mit der Macht der Zärtlichkeit, 
und ich weiss, 
dass ich im Traum 
schon lange nicht mehr 
unter Blütenzweigen
erwacht bin