
Der ukrainische Dirigent und Geiger Artem Lonhinov ist seit 2023 Erster Kapellmeister bei Bühnen Bern. Foto: zVg
Musizieren in Zeiten des Krieges
Der ukrainische Dirigent und Geiger Artem Lonhinov ist seit 2023 Erster Kapellmeister bei Bühnen Bern. Wenn er gerade nicht bei «Rigoletto» oder der Kinderoper «Brundibar» am Pult steht, ist er mit seiner Geige bei den Gottesdiensten in der Pfarrei Dreifaltigkeit zu erleben.
Christian Geltinger*
Mit 18 Jahren hat man das Gefühl, die ganze Welt steht einem offen. Artem Lonhinov, der im Jahr 2014 seine Abreise nach Deutschland vorbereitete, um dort den Traum seines Lebens, ein Musikstudium zu verwirklichen, erlebte in diesem Alter seine grösste Herausforderung. «Putin hatte gerade die Krim annektiert. Ganz pragmatisch gab es das Problem, dass unsere Währung extrem gefallen ist. Um in Deutschland studieren zu können, musste ich aber auf einem Sperrkonto einen grösseren Betrag hinterlegen, um meine finanzielle Liquidität zu legitimieren.»
Fahrt ins Ungewisse
Seine Reise nach Deutschland entwickelte sich dann zu einer regelrechten Nervenprobe. Kurz zuvor ereignete sich das Unglück der MH 17 von Malaysian Airlines, die von einer russischen Flugabwehrrakete getroffen wurde. Auf dem Weg mit dem Zug von Dnipro nach Kiew hat Lonhinov erfahren, dass gerade ein Militärflugzeug mit vielen ukrainischen Soldaten abgestürzt ist.
Auf die Frage, ob es gerade in diesem Moment schwierig war, seine Heimat zu verlassen, antwortet der junge Dirigent: «Wie jeder junge Mensch musste ich mich erst einmal neu orientieren, musste lernen für mich selbst zu sorgen, musste waschen, kochen, putzen, für meinen Unterhalt sorgen. Und in den Ferien bin ich fast immer in die Ukraine gefahren, wo meine Familie lebt, meine Eltern und Grosseltern. Und wie viele junge Menschen merkt man, dass man zwar eine tiefe Verbindung zu dem Ort hat, wo man aufgewachsen ist, dass man aber auch immer mehr seine eigenen Wege geht.»
Schizophrenie des Alltags
Der letzte Flug in die Heimat war für Februar 2022 gebucht. Daraus sollte nichts mehr werden. Vier Jahre lang konnte Artem Lonhinov nicht mehr in seine Heimat reisen. Für seine Eltern war klar, das Land nicht zu verlassen, solange die Grosseltern leben. Der Kontakt funktioniert seit dieser Zeit überwiegend über das Smartphone. «Die ersten beiden Jahre hatte ich sämtliche Warnapps auf meinem Handy, die mir anzeigen, wo gerade mit Drohnen- und Bombenangriffen zu rechnen ist.
Irgendwann habe ich gelernt, mich davon zu lösen, auch um mich und meine Freundin zu schützen.» In diesem Zusammenhang ist es ihm wichtig zu erwähnen, dass die Digitalisierung in seinem Land vor dem Krieg sehr viel weiter fortgeschritten war als in manchem europäischen Land. «Ich hatte alle Dokumente auf einer APP in meinem Smartphone gespeichert.» Diese Botschaft ist vor allen Dingen an jene gerichtet, die die Ukraine als ein Entwicklungsland einschätzen.
Für den Aussenstehenden ist es nur sehr schwer vorstellbar, mit dieser Schizophrenie zu leben: Während das gewöhnliche Alltagsleben in Bern weiterläuft, fürchten knapp 1900 km von hier entfernt die Menschen in jeder Sekunde um ihr Leben. Für die Menschen in Dnipro ist der Krieg zum Alltag geworden, und so geht Artems Vater nach wie vor täglich in seine Arbeit, solange er noch gebraucht wird. Die Wirtschaft ist verständlicherweise am Boden.
Nicht zum Krieger geboren
«Zum Glück hatte ich selten ein richtig schlechtes Gewissen wie viele meiner Landsleute, die hier leben, weil mir klar war, dass ich nie für den Krieg getaugt hätte. Ich kann mein Land viel mehr unterstützen mit dem, was ich hier mache. Gleich nach dem Beginn des Krieges habe ich mit meinem ukrainischen Kammerorchester in München sehr schnell Anfragen für Benefizkonzerte bekommen.
Damit kann ich die Menschen für die schwierige Situation in meiner Heimat sensibilisieren.» Und so hat Artem Lonhinov irgendwie gelernt, auch mit der Situation des Krieges umzugehen. «Ganz zu Beginn des Krieges habe ich einmal bei einem Benefizkonzert dem Karneval der Tiere von Saint-Saëns dirigiert und mich gefragt, was ich hier gerade mache. Mittlerweile kann ich beim Musizieren die Bilder meiner Heimat ausblenden.»
Neue Eskalationsstufe
Mit den jüngsten Angriffen auf Dnipro wurde eine neue Eskalationsstufe erreicht. «Das Krankenhaus, in dem ich geboren wurde und der Supermarkt, wo wir immer eingekauft haben, sind schon lange platt. Bei den letzten Bombardements sind die Fensterscheiben im Haus meiner Grossmutter zerbrochen.» Wann er seine Familie das nächste Mal sehen wird, ist fraglich.
Ein Grossvater und eine Grossmutter sind in der Zwischenzeit bereits verstorben und auch der geliebte Papagei, ein «Familienmitglied», der in besseren Tagen mit dem kleinen Geigenschüler Artem regelmässig duettierte. Der Krieg hat auch die Menschen verändert. «Letztes Jahr hatte ich das Glück, meine Mutter, meine Grossmutter und eine Cousine in Krakau zu treffen. Es war schon erschreckend, wie sie nachts bei jedem kleinen Geräusch hochgefahren sind und wie sich ihr komplettes Leben nur noch um diesen schrecklichen Krieg dreht.»
Ist es möglich, vor dem Hintergrund dieser Ereignisse noch an einen Gott glauben? «Ich habe meinen persönlichen Gott», meint Artem. Ob es überhaupt gerecht auf dieser Welt zugehe, bezweifelt er zunehmend, aber an eines glaubt der ganz sicher: Hoffnung.