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Scegliere

03.04.2025

Kolumne aus dem aki von Chantal Esposito, studentische Mitarbeiterin


«Scegli», sagte man mir als Kind. Auf Deutsch übersetzt heisst das «wähle». Aber scegliere ist mehr als nur eine Wahl - es umfasst auch die Entscheidung. Man trifft eine Wahl und steht für sie ein. Anders formuliert steckt in scegli die Aufforderung: «Wähle - und übernimm die Verantwortung für deine Entscheidung.» 

Genau das tat ich im Zug nach «Utzenstorf», in die Weite blickend und mit einem mulmigen Gefühl im Magen. «Wir könnten sonst hier im Zug lernen bis wir ankommen», schlug mir meine Kollegin vor, sichtlich vom eigenen Vorschlag nicht überzeugt. Mit einer Hand hielt sie die durchlöcherte Kartonschachtel, die wir netterweise aus dem aki Sekretariat stehlen durften. Die verletzte Fledermaus, die wir Fledìn van Koslovic getauft hatten, fiepte vom inneren des Behälters. Eigentlich wollten wir den Nachmittag über eine Lernsession machen, als Lernpause in den aki Garten sitzen, und die ersten Erdbeeren des Jahres geniessen. Doch als ich gleich zu Beginn der Lernsession die Storen runterliess, fiel Fledìn vom inneren der Storen und verletzte sich. Und so kam es zum Diebstahl der Kartonschachtel und der Odysee nach Utzenstorf. 

«Lernen wäre sinnvoll», antworte ich auf die Frage der Kollegin, lehne aber mit der Begründung ab, dass ich zu viel Literatur dabeihabe, um an meiner Arbeit zu schreiben. Die Entscheidung, Fledìn zur Wildtieraufnahme zu bringen, hatte nun mal die Konsequenz, dass ich den Nachmittag nicht mehr viel lernen würde. Der Stress wuchs langsam in mir, mein Gewissen zerrissen zwischen dem, was ich als richtig empfand, und den Verpflichtungen, denen ich eigentlich nachkommen sollte. Die Gestalt meiner ominösen To-Do-Liste türmte sich über mich auf und warf immer länger werdende Schatten auf meine Entscheidung, die Reise nach Utzenstorf angetreten zu haben. Der Schatten folgte mir, als wir im gefühlten Nirgendwo ausstiegen und den letzten Stück Weg zu Fuss zurücklegten. 

Doch als wir Fledìn dem Tierarzt übergaben, und ich sein Fiepen ein weiters Mal hörte - diesmal im Wissen, dass er nun an einem Ort war, wo man sich um ihn kümmern würde-, löste sich der Schatten auf. Auch er hatte nun begriffen, dass wir die richtige Wahl getroffen hatten, selbst wenn die Entscheidung im ersten Moment unangenehme Konsequenzen gebracht hatte. Im Zug Richtung Heimweg merkte ich, wie schön das manchmal ist im Leben: Im Alltäglichen den Mut finden, um das zu tun, was richtig ist, selbst wenn die Entscheidung nicht die angenehmste Wahl ist. Scegliere. Manchmal bedeutet wahre Verantwortung nicht nur, unseren Verpflichtungen nachzukommen, sondern auch, Raum für Altruismus zu lassen – selbst dann, wenn es scheint, als hätten wir keine Zeit dafür.

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