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Von A nach B unterwegs im Leben – auch im Spital
Kolumne aus der Inselspitalseelsorge
Wenn dieser Artikel veröffentlich wird, werde ich auf dem Weg von Porto nach Santiago de Compostela sein – zumindest ist das der Plan. Was das Leben bis dahin bringt, bleibt ungewiss, ebenso wie das Wetter und meine körperliche Verfassung. Pilgern ist allerdings nie nur eine Wanderung von A nach B. Santiago ist mein Ziel, aber letztlich ist es nicht wichtig, schnell dorthin zu gelangen oder überhaupt anzukommen.
Wenn früher meine Töchter auf Wanderungen fragten, «Wie lange dauert es noch?», habe ich sie oft mit meiner Antwort genervt: «Der Weg ist das Ziel!» Pilgern ist vor allem eine Reise zu sich selbst und eine Erfahrung des Unterwegsseins. Jeder Schritt bringt uns näher zur inneren Ruhe, zu einer tieferen Verbindung mit der Welt und der spirituellen Dimension. Die Reise ist nie nur eine körperliche, sondern auch eine der Seele. Es geht darum, im Moment präsent zu sein, sich selbst wahrzunehmen und den Lebensweg achtsam zu gehen.
Manchmal müssen Patient:innen im Spital, etwa nach komplizierten Knochenbrüchen, eine lange Heilungszeit durchstehen. Nach Wochen des Wartens überkommt sie oft der Spitalkoller, und sie möchten einfach nur noch nach Hause. In solchen Phasen rege ich an, den Blick vom Ziel auf den Weg dorthin zu lenken.
Trotz aller Herausforderungen kann es auch während eines Spitalaufenthalts gelingen, innezuhalten, die Gedanken zu ordnen und über das eigene Leben nachzudenken. Diese Zeit bietet die Möglichkeit, neue Einsichten zu gewinnen und persönliche Ziele zu überdenken. Oft wird das Wesentliche im Leben klarer; vieles reduziert sich auf scheinbar Banales wie die Wohltat einer Dusche, die Abwesenheit von Schmerzen oder die Fähigkeit, eigenständig laufen zu können. Manchmal vertiefen sich bestehende Beziehungen, und es entstehen bereichernde Begegnungen mit den Mitpatient:innen.
Im Grunde können wir jede Wartezeit und das Unterwegssein im Alltag – beispielsweise an der Bushaltestelle oder im Zug – als Momente des Innehaltens nutzen. Und ja, ich werde mich freuen, wenn ich Santiago erreiche, so wie Patient:innen froh sind, wenn sie nach Hause zurückkehren – und wie viele sich freuen, wenn nach der Fastenzeit Ostern kommt.
Monika Mandt, Seelsorgerin am Inselspital