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«Weltreise auf engem Raum»
Kolumne aus der Inselspitalseelsorge
Der Schauspieler Joachim Meyerhoff erlitt mit 50 Jahren einen Schlaganfall. In seinem Buch «Hamster im hinteren Stromgebiet», dessen sperriger Titel sich erst beim Lesen erschliesst, beschreibt er sehr eindrücklich die ersten Symptome, die Alarmierung der Ambulanz, den Transport in das Spital, den Aufenthalt auf der Intensivstation. Gleichzeitig mit ihm werden fünf andere Patient:innen auf der Stroke Unit behandelt. Auch deren Leben wurde durch ein Ereignis radikal umgekrempelt. Meyerhoff nimmt ihr Stöhnen, nächtliche Albträume, Gerüche, verzweifelte und unverständliche Redeversuche wahr. Allgegenwärtig ist die Sorge, wie es weitergeht. «Das Schicksalhafte des Schlaganfalls hatte mir das Selbstverständnis geraubt, dass die Dinge gut ausgehen würden.» (297). Das Buch berichtet, wie es ist, «wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz von einem Moment auf den anderen abhandenkommt.» (307)
Aber nicht nur. Meyerhoff erzählt auch darüber, was ihm geholfen hat - in dieser Situation, in der alle bisherigen Sicherheiten infrage gestellt sind. Was also hilft? Zunächst einmal die Unterstützung durch seine Angehörigen. Es ist berührend zu lesen, was es in ihm auslöst, wenn seine Kinder ihn besuchen und von ihrem Alltag erzählen. Seine Partnerin bringt Früchte und seine Lieblingszeitung mit. Ihre Hand auf seinem Gesicht tut ihm gut. Einmal legt sie sich einmal sogar zu ihm ins enge Patientenbett. Die Nähe tröstet. Der besorgte Bruder schickt mails. Sogar seine Ex-Frau denkt an ihn: «Bin in Gedanken ganz nah an deiner Seite. Wir brauchen dich sehr» (185)
Meyerhoff lässt die Rührung, die diese Unterstützung in ihm auslöst, zu, auch wenn er dadurch die Kontrolle über seine Gefühle zu verlieren scheint: «Meine kleine Tochter … beobachtete meine Augen, sagte zauberhafte Dinge und setzte alles daran, meine Seele zu knacken. «Du wirst sicher wieder ganz gesund, lieber Papa.» Mein Hals schnürte sich zusammen. «Ich bin immer für dich da.». Die Tränen stiegen auf. «Ich liebe dich, Papa!» Dammbruch.» (182)
Am schlimmsten sind die Nächte. In ihnen ist er der Angst am meisten ausgeliefert. Dann helfen ihm Erinnerungen. Er nennt das «mental ausbüxen» (192). Er begibt sich in Gedanken auf Reisen, die er früher unternommen hat. Er erinnert sich an Wanderferien in Norwegen. An eine Reise in den Senegal. Sogar die Erinnerung an einen total missglückten Familienurlaub auf Mallorca taucht auf und tut irgendwie gut. Meyerhoff rezitiert Gedichte und Schauspieltexte. Nicht nur, um seine Gehirnfunktion zu überprüfen – sondern auch und vor allem, um die Verbindung zu seiner Identität wiederherzustellen. Die Erinnerung ermöglicht es ihm, wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Mithilfe dieser Geschichten vergewissert er sich, wer er in Wirklichkeit ist. Langsam entdeckt er, wofür es zu kämpfen lohnt. So erobert er sich sein Leben zurück.
Emotionen wahrnehmen. Nähe zulassen. Sich den Erinnerungen öffnen. Gilt nicht erst nach einem Schlaganfall.
Hubert Kössler, Seelsorger im Inselspital
Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet, Frankfurt a. M., 2020.
