Nicht überall sind die Kirchen leer. (Symbolfoto Dreifaltigkeitskirche, Bern). Foto: Pia Neuenschwander

Der Lack ist nicht überall ab: Kirche bei Migranten weiter beliebt

Das Image der katholischen Kirche ist nicht überall schlecht. Im migrantischen Umfeld erfreut sich die katholische Kirche grosser Beliebtheit.

 

Annalena Müller

«Bei der römisch-katholischen Kirche ist der Lack langsam ab», so titelt SRF nach Veröffentlichung der «Sotomo»-Umfrage zum Image der katholischen Kirche am 1.4. Ein zweiter heute veröffentlichter Bericht zeigt: Das stimmt nicht überall. 86 Prozent der von «Sotomo» befragten Katholik:innen mit Migrationshintergrund haben ein positives Bild der Kirche. 

Migranten-Community befragt

Dies geht aus einem Rohbericht der Zürcher Kantonalkirche hervor, der ebenfalls am 1. April veröffentlicht wurde. Auch wenn die Zahlen mit Vorsicht zu geniessen sind, geben sie interessante Einblicke in einen wichtigen und, vor allem, wachsenden Teil der katholischen Kirche.

Für die Datenerhebung befragte das Meinungsforschungsinstitut «Sotomo» 287 Mitglieder der katholischen Migrant:innen-Community im Kanton Zürich. Deren Hintergrund verteilt sich nach Staatsbürgerschaft (doppelte Staatsbürgerschaft möglich) wie folgt: 40 aus Frankreich, 58 aus Italien, 69 aus Kroatien und 79 aus anderen Ländern, 174 Personen hatten (auch) eine Schweizer Staatsbürgerschaft.

Daten nicht repräsentativ 

Wichtig ist: Dieser Teil der Umfrage ist nicht repräsentativ. Auch sind die Zahlen nicht direkt mit denen der deutschschweiz-weiten repräsentativen Umfrage vergleichbar, betont Sprecher Simon Spengler gegenüber dem «pfarrblatt». «Wir haben diese Teilerhebung über die Migrantenseelsorgenden gemacht, die wiederum Mitglieder ihrer Gemeinden eingeladen haben, bei der Umfrage mitzumachen. Die Zahlen zeigen also nur das Bild von Menschen, die in der Kirche aktiv sind», so der Sprecher der Zürcher Kantonalkirche. 

Trotz dieser Verzerrung liefert die Religionsbefragung der Migratonsgruppen interessante Daten – insbesondere im Vergleich mit der repräsentativen Umfrage in der Gesamtbevölkerung. 

Zahlen wie zu Zeiten der Volkskirche

Während nur 38 Prozent der Mitglieder der katholischen Kirche in der Gesamtbevölkerung ein positives oder eher positives Bild von ihrer Kirche haben, sind es bei den befragten Katholik:innen mit Migrationshintergrund 86 Prozent. Das sind Zahlen, die an die Zeiten der Volkskirche erinnern.

Zwar blicken auch innerhalb der Migrantencommunity Frauen etwas kritischer auf die katholische Kirche als Männer, doch auch hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zur Allgemeinbevölkerung. Während 13 Prozent der Frauen in der Gesamtbevölkerung ein positives oder eher positives Bild der Kirche haben, sind es in der Migrant:innen-Community 85 Prozent (bei den Männern sind es sogar 88 Prozent).

Missbrauchsskandal weniger zentral

Ein weiterer grosser Unterschied liegt in der Bedeutung, die die Befragten dem Thema Missbrauch und dessen Bekämpfung beimessen. 27 Prozent der Befragten Mitglieder der Migranten-Community finden, dass die katholische Kirche in diesem Bereich gute Arbeit leistet. 36 Prozent bewerten den Umgang damit negativ oder eher negativ. In der allgemeinen katholischen Bevölkerung bewerten hingegen nur 12 Prozent den Umgang als (eher) positiv, während 76 Prozent ihn negativ oder eher negativ bewerten.

Kirche mehr als NGO

Von ungebrochener Bedeutung sind Gottesdienste und religiöse Feiern in der Migrant:innen-Community. 98 Prozent sagen, dies sei das gewünschte Engagement der Kirche. Auch ihr soziales Engagement ist mit 99 Prozent zentral. Gesellschaftlich-politische Stellungnahmen befürworten hingegen mit «nur» 74 Prozent vergleichsweise wenige Mitglieder dieser Community.

Allgemein werden kirchliche Angebote unter Migrant:innen wesentlich häufiger genutzt – von der Taufe bis zur Trauerfeier und kulturellen Veranstaltungen. Wohingegen 76 Prozent der katholisch Getauften in der Gesamtbevölkerung keine spirituellen Angebote der Kirche in Anspruch nehmen. Zwar bleibt auch für diesen Teil der Bevölkerung das soziale Engagement der Kirche weiterhin wichtig, die religiöse Dimension nimmt jedoch zunehmend ab. Dies zeigt sich unter anderem im Rückgang der Taufen.

Zugespitzt kann man sagen: Während die katholische Kirche in der breiten Bevölkerung zunehmend als NGO wahrgenommen wird, bleibt ihre Rolle als spirituelle Heimat in der Migrant:innen-Community unangefochten. Auch wenn dieser Teil der «Sotomo»-Umfrage, wie gesagt, nicht repräsentativ ist, zeigen die Zahlen: Der Lack ist nicht überall ab. Die Zukunft der katholischen Kirche ist bunt und migrantisch.