Christine Vollmer ist Gemeindeleiterin im Seelsorgeraum Bern-Süd. Foto: zVg
Beginn der Fastenzeit: In der Stille auf mein Inneres hören
Noch einen gefüllten Berliner essen, bevor der Aschermittwoch kommt – das verbinde ich aus meiner Kindheit immer noch mit dem Übergang von der Fastnacht zur Fastenzeit.
Christine Vollmer*
Doch der Umgang mit der Fastenzeit vor Ostern hat sich geändert. Für die meisten Menschen ist der Aschermittwoch überhaupt kein bekanntes Datum mehr, und die Schoko-Ostereier gibt es ja auch schon ab Februar. Eher findet der «Dry January» mit der Alkoholabstinenz nach Silvester Anklang oder auch «Wellness-Fastenwochen», um dem Speck der Wintertage etwas an den Kragen zu gehen.
All unsere Wohlstandsfastenaktionen sind auf jeden Fall empfehlenswert für die Gesundheit. Gleichzeitig wirken sie fast zynisch angesichts des entbehrungsreichen Leids der Menschen in unseren heutigen Kriegs- und Krisengebieten wie im Sudan, in Gaza oder in der Ukraine, in denen Aushungern als Machtmittel und Waffe benutzt wird.
Wie könnte ein Fasten aussehen, das sich genau solchem menschenverachtenden Handeln widersetzt? Wenn ich auf die politische und wirtschaftliche Situation in unserer Welt schaue, nehme ich wahr, wie sehr wir von Meinungen, Stimmungen und Informationsfluten getrieben und gesteuert werden. Digitale Medien verstärken diese Wirkung der «Fernsteuerung» immer mehr. Das kann zu einer Art Selbstentfremdung führen, die der eigenen inneren Stimme nicht mehr traut.

Fasten könnte hier bedeuten, Abstand zu nehmen von all dem, was von aussen auf mich einwirkt und mich um(her)treibt, um dem wieder Raum zu geben, was sich in meinem Inneren zeigt. Dazu können Orte und Zeiten der Stille gute Möglichkeiten sein, um wieder mehr zu mir selbst zu finden: eine Stunde Stille am Morgen oder Abend daheim, in der das Handy, Radio und Internet ausgeschaltet bleiben; ein Spaziergang allein oder mit einem guten Freund durch den Wald; das Verweilen auf einer Sitzbank am Seeufer oder in einem Kirchenraum.
Diese Zeiten der Stille lassen die vielen Meinungen und Stimmungen von aussen allmählich abebben und schenken Gehör für das, was mich in meinem Inneren bewegt. Ist es Angst vor der Zukunft? Freude an der Natur? Sehnsucht nach Frieden? Dankbarkeit für die Arbeit? Bangen um einen Menschen?
Was auch immer sich da in der Stille in mir Gehör verschafft, es hilft mir, meinen eigenen Standpunkt zu finden und meinen Stand auf dem gemeinsamen Boden wahrzunehmen, auf dem die ganze Schöpfung steht.
Ich bin überzeugt, dass ein solches Stille-Fasten in unserer digital lauten Welt uns zu den nährenden Quellen in unserem Innern führen und uns zugleich fest mit den Menschen überall auf der Erde verbinden kann – auch ohne das weltweite digitale Netz «www». Denn tief in ihrem Inneren sehnen sich alle Menschen nach Frieden und haben alle Menschen Freude an der Natur – oder an einer Süssigkeit aus ihrer Heimat, z.B. einem gefüllten Berliner.
Eine solche Verbundenheit wird sich einem menschenverachtenden Handeln widersetzen.
* Christine Vollmer ist Gemeindeleiterin im Seelsorgeraum Bern-Süd