Für Urs Brosi, Generalsekretär der RKZ, kommt die Teilschliessung des Lasalle-Hauses nicht überraschend. Foto: zVg

RKZ-Generalsekretär: «Teilschliessung des Lassalle-Hauses ist nur Anfang»

Urs Brosi hat die Nachricht der Teilschliessung nicht überrascht. Warum die RKZ nicht finanziell einspringt und welche Rolle er beim Kleinerwerden der Kirche hat, sagt Brosi im Interview. Ein Hintergrundbericht.


Annalena Müller

«pfarrblatt»: Die angekündigte Teil-Schliessung des Lassalle-Hauses hat zu einem Aufschrei geführt. Werden wir uns an solche Nachrichten gewöhnen müssen?

Urs Brosi: Ja, das werden wir. Die Ordensgemeinschaften sind schon länger mit dem Prozess des Kleinerwerdens beschäftigt. Konkret gehört dazu auch die Schliessung von Häusern oder klösterlichen Betrieben, wie zum Beispiel der landwirtschaftlichen Schule im Kloster Fahr oder eben nun des Tagungszentrums des Lassalle-Hauses der Jesuiten. In den Klöstern ist das Thema bereits länger präsent. Anders sieht es bei den Kirchgemeinden und Pfarreien aus.

Inwiefern?

Brosi: In vielen Kirchgemeinden und Pfarreien ist das Thema erst theoretisch angekommen. Da der finanzielle Druck noch nicht so gross war, beziehungsweise ist, konnte man weitermachen und hat die Veränderung noch nicht so stark gespürt. Natürlich kann man auch dort bereits sehen, dass kirchliche Angebote nicht mehr so wahrgenommen werden wie in der Vergangenheit. Aber aktuell lassen sie sich grösstenteils noch aufrechterhalten. Im Lassalle-Haus war das anders. Hier haben sich die Jesuiten gefragt, wie die Perspektive für die nächsten zehn Jahre aussieht, und sie sind zu dem Schluss gekommen, dass das betriebliche Defizit, die Verkleinerung des Ordens und die Veränderung der kirchlichen Bildungslandschaft ein «Weiter wie bisher» verunmöglichen.

Tatsächlich aber reden wir schon lange über die Umnutzung kirchlicher Liegenschaften. Die SBK hat kürzlich einen Leitfaden dafür veröffentlicht. Jede und jeder weiss, dass die Kirche schrumpft…

Brosi: …Ja, es ist ein Prozess, den wir aktiv angehen müssen. Soweit wir das heute einschätzen können, ist das Kleinerwerden der Kirche irreversibel. Das müssen wir weder ab- noch aufwerten, aber wir sollten die Veränderung aktiv mitgestalten...

… Was meinen Sie mit auf- beziehungsweise abwerten?

Brosi: Abwerten im Sinne von Selbstvorwürfen, dass wir als Kirche versagt haben, weil wir die Säkularisierung nicht aufhalten können. Aufwerten im Sinne der Idee, dass die Kirche sich jetzt «gesundschrumpft». Als ob die bisherige Volkskirche etwas Pathologisches gewesen wäre. Das Kleinerwerden der Kirche ist einfach eine gesellschaftliche Entwicklung. Unsere Aufgabe als Kirche in diesem Prozess ist nicht die Frage, wie wir ihn aufhalten können – das können wir nicht. Sondern, wie wir ihn gestalten. Dazu gehört natürlich auch die Frage, wie wir unsere weniger genutzte Infrastruktur künftig verwenden. Neben Kirchen selbst betrifft das auch Bildungshäuser wie das Lassalle-Haus.
 


All das ist an sich nichts Neues. Daher: Wie erklären Sie sich die Aufregung um das Lassalle-Haus?

Brosi: Das Lassalle-Haus ist eine Art Flaggschiff der kirchlichen Bildungs- und Tagungshäuser. Und die angekündigte Schliessung des Hotellerie- und Gastrobetriebs löst Emotionen aus. Es ist schwierig, Liebgewonnenes aufzugeben. Wir müssen uns von inneren Bildern verabschieden, die bestimmen, was wir als Kirche sein wollen. Und es ist natürlich mit einer gewissen Kränkung verbunden, nicht mehr gebraucht zu werden. Aber ich frage mich auch, wie viele der über 4'000 Unterzeichnenden der Petition zum Erhalt des Tagungszentrums in den Jahren nach der Pandemie tatsächlich dort einen mehrtägigen Kurs besucht haben. Wären es viele gewesen, dann wäre die Situation für die Jesuiten dort nicht so, wie sie sich im Moment darstellt.

Sie deuten es an: Die Schliessung des Hotellerie- und Gastronomiebetriebs ist einem doppelten Strukturwandel geschuldet – dem Schrumpfen der Kirche und der Veränderung im Bildungswesen…

Brosi: Genau. Viele Bildungsangebote werden heute online oder hybrid angeboten, also teilweise online und teilweise vor Ort. Es hat hier ein Wandel stattgefunden, der sich bereits vor der Pandemie abgezeichnet hat und durch die Corona-Zeit beschleunigt wurde. Auch kirchliche Mitarbeitende können oder wollen immer weniger langdauernde Fortbildungen besuchen. Das ist kein kirchenspezifisches Phänomen, sondern betrifft alle Tagungshäuser.

Als RKZ-Generalsekretär sind Sie – neben vielem anderen – der oberste kirchliche Finanzverwalter der Schweiz. Warum springt die RKZ nicht beim Flaggschiff Lassalle-Haus ein?

Brosi: Der RKZ, dem nationalen Dachverband der katholischen Landeskirchen, stehen lediglich 1,3 Prozent der Kirchensteuern zur Verfügung, die in der Schweiz erhoben werden. Unsere finanziellen Möglichkeiten sind allein deshalb stark begrenzt. Zum Vergleich: Beim Staat gehen 47,2 Prozent der Fiskaleinnahmen auf die nationale Ebene. Während im Staat alle drei Staatsebenen Steuern erheben, funktioniert die Kirchensteuer weitgehend nur auf kommunaler Ebene, sie ist eigentlich eine Kirchgemeindesteuer. Die kantonale und die nationale kirchliche Ebene finanzieren sich über eine Umverteilung von unten nach oben. Mit den 1,3 Prozent hat die nationale Ebene der Kirche gar nicht die Möglichkeit, grosse und umfangreiche Betriebe wie das Lassalle-Haus oder andere Bildungshäuser zu finanzieren.

Und doch rufen alle schnell nach der RKZ und nationalen Schritten dieser Tage. Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie frustrierend ist Ihr Job vor dem Hintergrund der grossen strukturellen Veränderungen?

Brosi: Im Moment empfinde ich ihn nicht als frustrierend. Natürlich ist es keine angenehme Aufgabe, die Menschen auf eine Entwicklung hinzuweisen, die die Gefahr der Depression in sich trägt. Das Kleinerwerden, die Verlusterfahrung, zur Minderheit und zur Diaspora-Kirche zu werden. Das sind keine lustvollen Momente. Aber es ist sinnvoll und wichtig, dass wir uns dem stellen. Noch haben wir Personal und Ressourcen, um zu überlegen, wie wir diesen Prozess aktiv gestalten, damit er bewusst gesteuert wird und nicht nur reaktiv verwaltet.

Was heisst das konkret?

Brosi: Wir müssen versuchen, eine Bandbreite an Menschen anzusprechen und uns nicht auf einen liturgisch-sakramentalen Kernkatholizismus im Sinne des «Heiligen Rests» oder einen identitären Katholizismus zurückziehen. Vielmehr müssen wir weiterhin betonen, dass die katholische Kirche auch eine gesellschaftliche Funktion hat, präsent sein will, Menschen für gemeinschaftliche und diakonische Aufgaben begeistern möchte und auch kritische Geister in den eigenen Reihen zulassen muss. Das soll Platz haben. Ich hoffe, dass die Kirche auch in der Minderheitssituation einen gesamtgesellschaftlichen Mehrwert bietet und es uns gelingt, diesen Mehrwert für unterschiedliche Menschen – für Gläubige genauso wie für Kulturkatholikinnen und Kirchenferne – erlebbar zu machen.