Der Schweizer Jona Neidhart kämpft als Freiwilliger in der Ukraine. Foto: zVg

Schweizer Legionär: «Wir kämpfen auch ohne USA weiter»

Jona Neidhart kämpft in der Ukraine. Die Aufkündigung der amerikanischen Unterstützung sorge für Wut. Und für ein trotziges «jetzt erst recht», sagt Neidhart im Interview.


Annalena Müller

Jona Neidhart (37) hat sich den ukrainischen Truppen angeschlossen. Motiviert zu diesem Schritt hat ihn sein christlicher Glaube. Aktuell befindet er sich im Osten des Landes in einem Trainingslager. Dort verfolgen er und seine Kameraden die weltpolitischen Entwicklungen. Von der Schweiz erwartet Neidhart mehr Engagement. Die Forderung des Nationalrats für eine aktive Rolle der Schweiz in der europäischen Sicherheitspolitik, die am Donnerstag (6.3.) mit grosser Mehrheit verabschiedet wurde, stellt auch der Legionär.  

Donald Trump hat die militärische und geheimdienstliche Unterstützung der Ukraine per sofort eingefroren. Was bedeutet der Schritt für die Lage vor Ort?

Jona Neidhart*: Zunächst möchte ich sagen, was es nicht bedeutet: Wir stehen jetzt nicht ohne Waffen da. Die Unterstützung aus Europa läuft ja weiter und wird nun hochgefahren werden. Aber kurzfristig bedeutet es, dass wir an der Front passiver sein müssen. Und auch, dass wir mehr aushalten müssen. Ungefähr die Hälfte der militärischen Güter kamen aus den USA. Da diese jetzt von heute auf morgen wegfällt, hat das natürlich Folgen.

Welcher Art?

Neidhart: Es wird wahrscheinlich mehr Tote und Verletzte auf ukrainischer Seite geben. Zumindest so lange, bis die zusätzliche Hilfe aus Europa ankommt, die die amerikanische Lücke schliessen wird.

Haben Sie Angst, dass Ihnen die Munition im Schützengraben ausgeht?

Neidhart: Nein, habe ich nicht. Wie gesagt, wichtige Länder in Europa und die EU haben in den letzten Tagen zugesagt, dass sie ihre Lieferungen massiv erhöhen werden, um die amerikanischen Ausfälle zu kompensieren. Das wird eine Weile dauern, aber wir werden diese Phase einfach mit den bereits vorhandenen Reserven überbrücken müssen.

 


Auch «Starlink», welches die Internetverbindung hinter und an der Front sichert und zum Beispiel für den Kampf und die Verteidigung mit Drohnen wichtig ist, könnte abgestellt werden. Was würde das bedeuten?

Neidhart: Wenn die USA, beziehungsweise Elon Musk, dem «Starlink» gehört, das von heute auf morgen machen würden, wäre es schlicht gemein. Es würde den Verteidigungskampf für die Ukraine zusätzlich erschweren. Wie bei den Waffen würde die Umstellung auf Alternativlösungen, die es ebenfalls gibt, zunächst mehr Verletzte bedeuten.

Die Abruptheit ist in beiden Fällen also das grösste Problem?

Neidhart: Ja. Und sie kostet Leben. Zudem würde das Abschalten von Starlink für Elon Musk und die USA neben internationaler Blamage auch finanzielle Einbussen bringen. Die amerikanische Unterstützung wurde der Ukraine bisher auch nicht kostenlos gegeben.

Auf einer persönlichen Ebene, was machen diese Ankündigungen aus den USA mit den Menschen vor Ort?

Neidhart: Bei uns hier im Trainingslager und auch allgemein in der Ukraine hat die Ankündigung Trumps viele Gefühle ausgelöst. Entsetzen, Enttäuschung, Trauer, aber auch Wut. Aber schlussendlich haben meine Kameraden und ich die Nachricht recht cool aufgenommen. Denn wir wissen, wir werden nicht aufgeben und weiterkämpfen – ob mit oder ohne die Hilfe der USA. In dem Sinn geht es für uns einfach weiter.
 


Einige Stimmen in Europa – und auch in der Schweiz – sagen, dass die Ukraine aufgeben sollte…

Neidhart: Nein, natürlich sollte die Ukraine nicht aufgeben! Im Gegenteil. Die Ukraine und Europa müssen jetzt zeigen, dass sie sich auch ohne die USA gegen Russland verteidigen können. Wenn Europa neben Waffen auch Truppen schicken würde, wäre es ein relativ Leichtes, die russischen Truppen hinter die Grenze zurück zu drängen. Die Grenzlinie müsste dann gesichert werden – damit klar ist: wir dringen nicht auf russisches Gebiet vor. Aber Russland kann auch nicht mehr in europäisches Gebiet eindringen.

Europäische Bodentruppen sind ein eher unwahrscheinliches Szenario...

Neidhart: Ja, aber ich wünsche mir dennoch, dass Europa tut, was am effektivsten wäre, um die Ukraine und Europa zu schützen. 

Was wünschen Sie sich von der Schweiz?

Neidhart: Auch von der Schweiz wünsche ich mir, dass sie einen Gang vorwärts schaltet. Es ist an der Zeit, dass die Schweiz sich nicht mehr hinter anderen demokratischen Ländern versteckt, sondern aufsteht und Position bezieht, wenn die Demokratie und Europa bedroht sind, wie es aktuell der Fall ist.

Hier würden Gegenstimmen auf die Schweizer Neutralität verweisen…

Neidhart: Ich habe es schon anderenorts gesagt: Ich denke, es ist nötig, dass die Schweiz ihr Neutralitätsverständnis anpasst. Wenn das Völkerrecht gebrochen wird, ist auch die neutrale Schweiz aufgerufen, dieses zu verteidigen. Auf welche Art sie das tun sollte, das kann man diskutieren. Aber sich hinter einer irgendwie als absolut definierten Neutralität zu verstecken und zu hoffen, dass andere es schon richten werden, das geht nicht.

 

*Jona Neidhart befindet sich aktuell im Trainingslager hinter der Front. Aufgrund der Lage und instabilen Internetverbindung wurde das Interview per WhatsApp-Sprachnachrichten geführt.